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Sage / Management
Kopflos in die Krise

Bei der britischen Sage plc, dem weltweit drittgrößten Anbieter von ERP-Sowftare, geht Vorstandschef Stephen Kelly überraschend von Bord - und damit ein vierjähriges Experiment jäh zu Ende. Bei Investoren hat der Konzern seinen Kredit verspielt, bei den Banken steht er tief in der Kreide. Und die Kunden kaufen weit weniger als dringend notwendig wäre.

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Stephen Kelly hat den Posten als Vorstandschef der britschen Sage plc einen Monat vor Ende des Geschäftsjahres 2018 (bis 30. September) niedergelegt. Kommissarisch hat Finanzchef Steve Hare das Amt übernommen. Die Suche nach einem Nachfolger habe begonnen, meldet das Unternehmen.

Gründe für den überraschenden Abgang wurden nicht genannt. Doch offenbar hat sich Kelly finanziell schwer verhoben.
Der Manager kam vor vier Jahren als Sanierer zu Sage. Zwei Schwerpunkte prägten seine Strategie. Erstens der Umbau des historisch gewachsenen Bauchladens in ein konkurrenzfähiges, cloudfähiges Lösungs-Portfolio. Zweitens die Eroberung des US-Marktes. Kelly wollte Sage zu einem internationalen Player machen – so wie SAP und Microsoft, die beiden führenden Konkurrenten im Markt für ERP-Software, es schon lange sind.

Kelly ließ kaum einen Stein auf dem anderen

Kellys Vorgänger hatten Sage zum drittgrößten Anbieter für kaufmänische Software gemacht, indem sie länderweise Firmen zukauften. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen zählen heute zu den Kunden. Damit brachten sie allerdings ein kunterbuntes Sammelsurium an Technologien und Marken unter ein Dach, das teuer zu pflegen und in der Dämmerung des Cloud-Zeitalters immer weniger konkurrenzfähig war. Zudem blieben die Zukäufe fast immer auf Europa beschränkt.

Kelly brach mit dieser Vergangenheit radikal. Nationale, gut eingeührte Produktmarken wie „PC Kaufmann“ verschwanden und wurden durch international geschmeidige Titel wie „Sage 50“ ersetzt. 2017 stellte das Unternehmen eine eigene Cloud-Plattform für Geschäftskunden vor. Auch personell ließ Kelly kaum ein Stein auf dem anderen. In die nationalen und internationalen Führungsetagen zogen seine Gefolgsleute ein. Das Konzern-Management, das zuletzt von Franzosen dominiert wurde, wurde unter sener Fürung rein britisch.

Teure Shoppingtour durch die USA

Anfänglich feierte Kelly tatsächlich Erfolge. Beispielsweise stieg der Anteil der Cloud-Umsätze am Gesamtumsatz nach Firmenangaben auf zuletzt 37 Prozent. 2017 aber startete er eine kostspielige Einkaufstour in den USA, durch die er sich u.a. mit Intacct einen Cloud-Spezialisten für Finanzmanagement einverleibte. Für einen Jahresumsatz von weniger als 100 Millionen US-Dollar blätterte Kelly die 8,5 fache Summe auf den Tisch. Bei den Banken stand er dadurch auf einen Schlag mehr als doppelt so tief in der Kreide wie zuvor. Die Investoren beruhigte er durch ein ambitioniertes Versprechen: Der Konzernumsatz sollte um jählich mindestens acht Prozent steigen.

Die Kunden allerdings spielten nicht mit und kauften weit weniger als geplant. Sein Acht-Prozent- Versprechen musste Kelly daher schon kurze Zeit später wieder kassieren. Zuletzt lagen seine Prognosen nur noch bei einem Plus von sechs Prozent. Die Folge: Das Vertrauen der Investoren in Kellys Handlungsfähigkeit war erschüttert. Die Aktie verlor seit Jahresbeginn rund ein Drittel an Wert. Der Konzernchef musste gehen.

Auch in Deutschland fehlen Führungskräfte

Nicht nur an der Konzernspitze, sondern auch in vielen nationalen Vertriebsgesellschaften steuert Sage nun quasi kopflos in die Krise. Erst im Mai hatte Kelly Medienberichten zufolge 30 Top-Manager in die Wüste geschickt. In Deutschland quittierte damals beispielsweise Monika Füllmann, die Chefin für die Neukundenakquise, den Dienst. Deutschland-Chef Rainer Downar war Anfang Mai verstorben. Die Firmenzentrale in Frankfurt am Main wird seitdem kommissarisch von Heino Erdmann, dem Finanzdirektor für Zentraleuropa, geleitet.

Personell und strateisch hinterlässt Kelly einen Scherbenhaufen. Wer auch immer sein Nachfolger wird – angesichts der finanziell angespannten Situation muss er oder sie Sage auf einen harten Sparkurs trimmen. Dabei ist der notwendige Umbau zu einem agilen Software-Konzern mit klarer Strategie und übersichtlicher Produtkplatte keineswegs abgeschlossen. Zudem wächst durch den sinkenden Aktienkurs die Gefahr einer feindlichen Übernahme.

Sage wird sich in kommenden Monaten vor allem mit sich selbst beschäftigen. Weitere Details, wie es de facto um das Unternehmen steht, wird wohl frühestens der nächste Geschäftsbericht verraten. Er soll Mitte November erscheinen.


Veröffentlicht am 10.09.2018