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SAP / Lizenzpolitik
SAP-Anwender am Scheideweg

VOICE, der Bundesverband der IT-Anwender e.V., hält die Lizenzbestimmungen der SAP in Bezug auf indirekte Nutzung für rechtswidrig. Damit stellt der Verband die positive Einschätzung der mächtigen Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) grundsätzlich in Frage. Die fundamentale Meinungsverschiedenheit dürfte vor allem einen freuen – die SAP.

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„Als Interessensvertreter der IT-Anwender setzen wir uns für transparente und faire Lizenzbedingungen ein“, erklärt Thomas Endres, Vorsitzender des VOICE-Präsidiums, in einer Mitteilung vom 2. Oktober 2018. „Die von SAP nach wie vor nicht eindeutig definierte indirekte Nutzung ist weder fair noch transparent.“

Grob gesprochen erfolgt ein indirekter Zugriff, auch Digital Access, genannt, wenn Geräte, Bots oder automatisierte Systeme auf den digitalen Kern eines SAP-Systems zugreifen. Oder wenn Personen, Geräte oder Systeme den digitalen Kern indirekt über eine zwischengeschaltete Software eines anderen Anbieters nutzen – zum Beispiel ein Nicht-SAP-Frontend, eine eigenentwickelte Kundenlösung oder die Anwendung eines Drittanbieters. Ein direkter Zugriff dagegen erfolgt, wenn ein Nutzer auf den digitalen Kern von SAP über eine Schnittstelle zugreift, die mit oder als Teil der SAP-Software bereitgestellt wird.

VOICE gibt zwei juristische Gutachten in Auftrag und schaltet Kartellbehörden ein

VOICE hat eigenen Angaben zufolge von der internationalen Rechtsanwaltskanzlei zwei juristische Gutachten zu indirekter Nutzung und Digital Access erstellen lassen. Diese Gutachten kommen zu dem Schluss, dass die Lizenzbestimmungen der SAP in dieser Hinsicht rechtswidrig seien und der Softwarehersteller seine starke Stellung im Markt für Business-Software gegenüber seinen Kunden missbrauche. Auf dieser Grundlage hat der Verband das Kartellamt eingeschaltet.

"Eingeschränkte Interoperabilität wäre für alle Marktteilnehmer fatal"

Endres findet es zwar verständlich, dass sich Softwareanbieter auf die veränderte Nutzung ihrer Produkte in einer immer stärker digitalisierten Welt vorbereiten. „Aber es darf nicht einseitig zu Lasten der Anwender gehen.“

Außerdem habe ein Anwenderverband ein natürliches Interesse an einem offenen Softwaremarkt, in dem nicht ein dominanter Anbieter die Bedingungen diktiert. „Gerade in Bezug auf die laufende Digitale Transformation ist die Interoperabilität der Systeme essentiell. Wenn diese Interoperabilität durch ungerechtfertigte Gebühren eingeschränkt wird, wäre das für alle Marktteilnehmer fatal“, betont Endres.

Hauptadressat der VOICE-Kritik ist die SAP. Das Softwarehaus solle seine Lizenzbestimmungen bezüglich der indirekten Nutzung anwenderfreundlicher und transparenter gestalten, „um die Anwender in Zeiten der digitalen Transformation nicht über Gebühr zu belasten und unkalkulierbaren Kostenrisiken auszusetzen“, fordert der Verband. Die SAP hat dazu bislang keine Stellung bezogen.

DSAG: "Stolpersteine und Hindernisse aus dem Weg geräumt"

Gleichzeitig stellt die Kritik aber die Einschätzungen der DSAG, der größten SAP-Anwenderorganisation in Deutschland, diametral in Frage. Die DSAG hatte im Frühjahr gemeinsam mit der SAP eben dieses Lizenzmodell ausgearbeitet. „Mit Hilfe des SAP-Vorstands haben wir gemeinsam eine Vision zum Thema indirekte Nutzung für die Zukunft entwickelt und die Eckdaten für ein neues Lizenzmodell formuliert“, lobte DSAG-Vorstand Andreas Oczko damals. „Damit ist ein wichtiger erster Schritt getan, um Stolpersteine und Hindernisse aus dem Weg der Digitalen Transformation zu räumen.“

Wie passt das zusammen? Die einen wehren sich mit allen Mitteln, während die anderen kooperieren? Wer hat Recht? Und wer nicht? Und was bedeutet das alles für diejenigen, die die Zeche am Ende zahlen: die SAP-Kunden?

Die DSAG hat sich bislang nicht öffentlich zur VOICE-Kritik geäußert. Womöglich wird der Vorstand das auf dem diesjährigen Jahrestreffen (16. bis 18. Oktober 2018) in Leipzig tun. Zu erklären gibt es jedenfalls viel, wenn man den Ausführungen des Konkurrenz-Verbandes VOICE Folge leistet. Stolpersteine und Hindernisse aus dem Weg geräumt? Im Gegenteil: „Wir sehen die indirekte Nutzung als Gefahr für die digitale Transformation“, betont Patrick Quellmalz, Leiter Service bei VOICE und Geschäftsführer der VOICE CIO-Service GmbH.

Uneinigkeit auch in der Audit-Frage

Diese Einschätzung stützt er mit zwei Argumenten. Zum einen setzten sich Anwender lizenzrechtlichen Risiken aus, wenn sie zukunftsgerichtete Technologien einsetzen, wie APIs, Container oder nur eine moderne E-Commerce-Lösung, die auch SAP-Daten nutzten. Zum anderen schädige die SAP mit ihrem Lizenzverhalten den Markt für Third-Party-Applikationen ganz massiv. Dem Geschäftsmodell von Drittanbietern schiebe die SAP mit dem neuen Lizenzmodell einen Riegel vor. „Das ist aus unserer Sicht innovations- und wettbewerbsfeindlich. Denn im Third-Party-Markt entstehen zusätzliche und vielleicht auch günstigere Lösungen für das SAP-Ökosystem, aber eben nicht unter vollständiger Kontrolle der SAP.“ Durch die aktuelle Regelung treibe SAP die Kosten für Anwender künstlich in die Höhe und erschwere den Einsatz.

Damit nicht genug. VOICE stellt auch die Audit-Praxis der SAP in Frage. Auch diese hatte die DSAG gutgeheißen. VOICE dagegen fordert eine rechtliche Verbindlichkeit der Audits und keine in die Vergangenheit reichende Wirkung, wie das“ einige Anwender“ zurzeit bei der indirekten Nutzung erlebten. „Es darf einfach nicht sein, dass Anwender durch neue Lizenzbestimmungen der SAP rückwirkend ins Unrecht gesetzt werden“, sagt Quellmalz. „Das ist für niemanden nachvollziehbar und lässt die Lizenzpolitik der SAP willkürlich erscheinen.“

Man darf gespannt sein, ob und wie die beiden Verbände ihre Meinungsverschiedenheiten beilegen und wie sie die Ergebnisse ihren Mitgliedern erklären. Die lachende Dritte könnte am Ende ausgerechnet die SAP sein, die in Ruhe mitansehen kann, wie sich die beiden Kontrahenten gemeinsam in eine fatale Glaubwürdigkeitskrise raufen.


Veröffentlicht am 10.10.2018



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