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Ricoh Deutschland / Strategie
Im Würgegriff der eigenen Übernahmen

Ricoh Deutschland führt den operativen Geschäftsbetrieb der insolventen Rechenzentrum Schulte GmbH im hessischen Aßlar fort. Die Aktion wirkt wie aus der Not geboren. Schließlich steht der Verlust von eigenen Stellplätzen und von Umsätzen in Millionenhöhe auf dem Spiel.

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Am 11. Oktober 2018 haben Ricoh Deutschland und der Insolvenzverwalter Bernd Ache den Kaufvertrag für die Übernahme der operativen Bestandteile der Gesellschaft unterzeichnet, die sich seit dem 1. Juni 2018 im Insolvenzverfahren befand.

Die Rechenzentrum Schulte GmbH wurde 1971 gegründet und etablierte sich am Markt als kommerzieller Druckdienstleister und Spezialist für die Produktion und Verarbeitung von Transaktionsdokumenten. Das Leistungsspektrum umfasst heute den gesamten Prozess von der Datenaufbereitung über die Produktion bis zum Versand.

„Mit dieser Übernahme investieren wir nun in eine zusätzliche Produktionsumgebung, welche die 2010 durchgeführte Akquisition von Georg Kohl ergänzt“, erklärt Yoshihiko Sasaki, Director Corporate Strategy Planning bei Ricoh Deutschland. „Auf diesem Wege investieren wir auch weiterhin in Produktionsressourcen um Backup-Kapazitäten aufzubauen, die uns dabei helfen, diesen wachsenden Anforderungen nachhaltig gerecht zu werden und den Nutzen und Mehrwert für unsere Kunden zu steigern. Dies ist ein weiterer Schritt zur nachhaltigen Konsolidierung und zum Ausbau unseres Geschäfts mit Business Process Services.“

Bereits die dritte Firma, die Ricoh Deutschland aus einer Insolvenz heraus übernimmt

Was wundert: Backup-Kapazitäten in einem schrumpfenden Markt aufzubauen, ist in der Betriebswirtschaftslehre nicht als strategisches Erfolgsrezept dokumentiert. Dies gilt auch für den Bereich der Druckdienstleistungen.

Die Rechenzentrum Schulte GmbH ist bereits die dritte Firma, die Ricoh Deutschland aus einer Insolvenz heraus übernimmt. Das war auch bei Georg Kohl (ebenfalls Druckdienstleister) und bei ADA (IT-Systemhaus) im Jahre 2012 der Fall. Mit Georg Kohl stieg Ricoh Deutschland mit rund 200 Mitarbeitern in den Markt für Druckdienstleistungen ein und übernahm zudem Stellplätze des Konkurrenten Xerox. Mit ADA drängte Ricoh mit rund 300 Mitarbeitern in den Markt für IT-Dienstleistungen. Beide Deals änderten nichts daran, dass die deutsche Vertriebsgesellschaft des japanischen Druckerherstellers anschließend wirtschaftlich in schweres Fahrwasser geriet und dort bis heute treibt.
Mit der Übernahme der Rechenzentrum Schulte GmbH, das deuten die

Umstände an, zündet Ricoh Deutschland allerdings keinen neuen Außenbord-Motor, sondern wirft lediglich einen Rettungsanker. Schließlich gilt es in Aßler dieses Mal die eigenen Stellplätze zu verteidigen. Der Verkaufsprospekt des Insolvenzverwalters preist „Endlos-Drucker von Canon, Ricoh und IBM“ an. Und auf diesen Maschinen wurde im Geschäftsjahr 2016 ein Umsatz von rund 1,7 Millionen Euro gedruckt.

Es geht um Stellplätze und rund 1,7 Millionen Euro Umsatz

Dabei muss man wissen: Ricoh und IBM sind in diesem Fall eins. Denn Ricoh Deutschland übernahm 2011 die Infoprint Solutions GmbH, die Druckersparte der IBM. Die Insolvenz der Schulte Rechenzentrum GmbH wiegt aus Ricoh-Sicht daher doppelt schwer.

Wie schlecht es um das Unternehmen steht, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Zahlen nur erahnen. Auf der Homepage, die wahrscheinlich lange nicht mehr aktualisiert worden ist, ist noch von 40 Mitarbeitern die Rede. Der Insolvenzverwalter listet nur noch 31 auf. Zudem weist er im Verkaufsprojekt ausdrücklich darauf hin, dass „mangels bestehendem aktiven Vertrieb die Produktionskapazität momentan nur zu 70 Prozent ausgelastet werden“ kann.

Über den Kaufpreis macht Ricoh keine Angaben. Sicher aber ist: Zunächst einmal verleibt sich Ricoh mit der Übernahme eine weitere Baustelle ein. Ob und wann diese erfolgreich geschlossen wird, steht aktuell in den Sternen.

Wo zukunftsfähige Geschäftsfelder fehlen, wird der Kampf um die vorhandene Substanz zum Überlebensprinzip

Offenbar kann es sich das Management der Ricoh Deutschland GmbH schlichtweg nicht leisten, Umsätze in dieser Größenordnung zu streichen. Denn wo neue, zukunftsfähige Geschäftsfelder fehlen, wird der Kampf um die vorhandene Substanz zum Überlebensprinzip.

Veröffentlicht am 30.10.2018