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DIGI.REPORT

Easy Software AG / Übernahmeangebot
Gefährliche Zerreißprobe

Steht der Easy Software AG ein Machtwechsel ins Haus? Die Balaton AG hat ein Übernahmeangebot an die Aktionäre des DMS-Anbieters abgegeben. Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter lehnen die Offerte zwar ab. Allerdings tritt das Unternehmen trotz vieler Versprechen seit Jahren auf der Stelle. Nun droht eine gefährliche Zerreißprobe. Wieder einmal.

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„Vorstand und Aufsichtsrat sowie Arbeitnehmervertreter der Easy Software AG empfehlen das Übernahmeangebot der Deutsche Balaton AG nicht anzunehmen“, heißt es in der Mitteilung, die der Anbieter von Dokumenten-Management-Systemen (DMS) aus Mülheim / Ruhr einen Tag nach Ostern verschickte. Grundsätzlich begrüßten Vorstand und Aufsichtsrat das Interesse von Investoren an der Gesellschaft. „Allerdings ist die angebotene Gegenleistung nach Ansicht von Vorstand und Aufsichtsrat in finanzieller Hinsicht nicht angemessen und reflektiert insbesondere weder die aktuelle Marktposition der Easy Software AG noch ihr Potenzial.“

Balaton AG will organisches und anorganisches Wachstum begleiten

Die Deutsche Balaton AG in Heidelberg hatte am 11. März 2019 ein Übernahmeangebot angekündigt, das am 15. April 2019 mit allen Details veröffentlicht wurde. Das Angebot zielt auf eine Übernahme aller Aktien der Easy Software AG für einen Stückpreis von 4,90 Euro ab. An der Frankfurter Börse wird die Easy-Aktie aktuell für mehr als 5,20 Euro gehandelt.

Die Balaton AG hält nach eigenen Angaben Beteiligungen an mehr als 50 Unternehmen, darunter befinden sich auch einige IT-Firmen. Mit der angestrebten Übernahme verfolgt der Investor das Ziel, die Entwicklung der Easy Software AG zu fördern, Kosteneffizienz zu fordern und das Unternehmen „durch Unterstützung bei organischem und anorganischem Wachstum zu begleiten“. Die Verschmelzung mit eigenen Beteiligungen dürfte dabei eine Option darstellen. Die Angebotsfrist endet am 13. Mai, eine zweiwöchige Verlängerung ist möglich.

"Easy Fit" hielt nicht, was das Management versprach

Das Übernahmeangebot der Balaton AG ist nicht das erste, das sich an die Aktionäre der Easy Software AG wendet. 2012 hatte der IT-Dienstleister Allgeier SE vergeblich versucht, sich den DMS-Anbieter auf diese Weise einzuverleiben. Damals befand sich das Unternehmen in einer äußerst kritischen Situation. Aufsichtsrat und Vorstände hatten es – teilweise durch kriminelle Machenschaften – an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds geführt.

Nach einem monatelangen Machtkampf übernahm schließlich der Investor Thorsten Wagner die Kontrolle. Mit Oliver Krautscheid installierte er einen neuen Aufsichtsratschef, der 2014 Willi Cremers als neuen Vorstandschef ins Amt hob. Gemeinsam setzten sie das Restrukturierungsprogramm „Easy Fit“ in Gang, das dem Unternehmen innerhalb von vier Jahren neues Leben einhauchen sollte. Das Problem: Wesentliche Ziele des Programm wurden verfehlt. Die Folge: Die Easy Software AG, einst Marktführer im deutschen DMS-Markt, steht in punkto Profitablität weit schlechter dar als die meisten Konkurrenten.

Neues Übernahmeangebot hat Chancen auf Erfolg

Marktbeobachter räumen dem Übernahmeangebot der Balaton AG daher weit bessere Chancen auf Erfolg ein, als es dasjenige der Allgeier SE jemals hatte. Aus zwei Gründen: Erstens hat es der Großaktionär Wagner – und das von ihm installierte Management – auch nach fünf Jahren nicht wirklich geschafft, den Aktionären eine nachhaltige Perspektive aufzuzeigen. Vielmehr muss der neue Vorstandschef Dieter Weißhaar das Unternehmen aufgrund von enormen Ineffizienzen und einer fragwürdigen Bilanzierungspraxis personell und organisatorisch erneut sanieren. (Siehe Bericht "Mülheimer Missmanagement")

Zweitens hält die Balaton AG eigenen Angaben zufolge bereits 29,17 Prozent der Easy-Aktien – und damit fast ebenso viele wie Großaktionär Wagner. Es fehlt also nicht viel, dass die Balaton AG auf der Aktionärsversammlung im August 2019 einen neuen Aufsichtsratschef aus den eigenen Reihen wählen und damit die Macht in der DMS-Firma übernehmen kann.

Wird Wagner ein eigenes Übernahmeangebot vorlegen?

Ob das gelingt, wird vor allem davon abhängen, ob Wagner seine Gegenwehr erfolgreich organisieren kann. Zusätzlich zu den 29,84 Prozent der Stimmanteile, die er aktuell über seine Investmentgesellschaft Global Derivative Trading GmbH hält, hat er sich weitere 2,33 Prozent Anteile gesichert, über die er indirekt die Kontrolle ausübt. All das aber dürfte zur Machtsicherung nicht genügend, wenn wichtige Eigner ihre Aktien in den kommenden Wochen an die Balaton AG verkaufen. Auch Wagner könnte dann gezwungen sein, ein allgemeines Übernahmeangebot abzugeben, wie es für Zukäufe gesetzlich vorgeschrieben ist, die die eigene Beteiligung über die 30 Prozent-Marke hieven.

Sollte es so kommen, steht die Easy Software AG mal wieder vor einer gefährlichen Zerreißprobe - und einer äußerst unsicheren Zukunft.


Veröffentlicht am 24.04.2019



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