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Ricoh Deutschland / Management
Unter britischer Fuchtel

Warum die deutsche Vertriebsgesellschaft von Ricoh immer mehr unter die Kontrolle der Londoner Europa-Zentrale gerät.

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Der japanische Drucker-Hersteller hat im Geschäftsjahr 2019 (bis 31. März) einen Umsatz von rund 15,9 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das waren 2,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Gleichzeitig erwirtschaftete das Unternehmen eine operative Gewinnmarge von 4,3 Prozent. Im letzten Jahr hatte Ricoh wegen enormer Abschreibungen noch rote Zahlen geschrieben.

Unter den eigenständigen Vertriebsregionen kämpft Europa, Mittlerer Osten und Afrika (EMEA) mit den größten Problemen. Hier sanken die Erlöse um rund 3,9 Prozent auf rund 3,5 Millionen Euro. Sowohl bei den Office-Druckern (minus 5,8 Prozent) als auch bei den Produktionsdruckern (minus 1,5 Prozent) verzeichnete EMEA konzernintern die größten Umsatzverluste. Damit gerät Europa-Chef David Mills zunehmend unter Druck. Die Auslastung der eigenen Fabriken gilt bei japanischen Herstellern als erste Managerpflicht. Wer das nicht schafft, verliert im Land der aufgehenden Sonne schnell sein Gesicht.

Ricoh Deutschland: Großes Sorgenkind

Innerhalb Europas wiederum gilt Deutschland als großes Sorgenkind. Im Geschäftsjahr 2018 sanken die Erlöse hier um 7,7 Prozent auf 524,4 Millionen Euro. Aktuelle Zahlen wurden bislang nicht veröffentlicht. Die Europazentrale mischt sich daher immer mehr in das Deutschlandgeschäft ein. Das deutsche Management gerät unter britische Fuchtel.

Niculae Cantuniar stieg im September 2015 als CEO bei Ricoh Deutschland ein. Der Schweizer kam von Lexmark und „wird uns dabei helfen, unsere Geschäfte in Deutschland mit einem noch stärkeren Kundenfokus und neuer Performance zu bereichern“, schickte ihm Mills damals mit auf den Weg.

Cantuniar selbst schwadronierte schon in den ersten Tagen davon, den Jahresumsatz der deutschen Vertriebsgesellschaft während seiner Amtszeit auf eine Milliarde Euro zu erhöhen und den Umsatzanteil mit Händlern auf rund 200 Millionen Euro zu verdoppeln. Damals erzielte das Unternehmen Erlöse von 598,6 Millionen Euro und eine Rendite von 1,8 Prozent.

Deutschland-Chef Niculae Cantuniar: Erst die Drecksarbeit, dann der Vertrauensentzug

Anschließend erledigte Cantuniar viel "Drecksarbeit" für seinen Chef, wie Beobachter meinen. Zunächst setzte er die alte Geschäftsführung fast komplett vor die Tür und räumte damit für Mills ein selbstbewusstes, nationales Management aus dem Weg. Anschließend strich er fast 1.000 Stellen, rund ein Drittel aller Arbeitsplätze in Deutschland, um die Kosten zu senken. Nun aber, so scheint es, wird er von Mills schleichend entmachtet.

Lange Zeit war Cantuniar der mächtige Herr im eigenen Haus. In dieser Rolle gefiel er sich sehr. Neue Mitglieder des Top-Managements erhielten keine Prokura mehr. Cantuniar erhob sie nicht – wie früher üblich – in den Stand eines Geschäftsführers, sondern berief sie lediglich zu einem Mitglied der Geschäftsleitung. Neben ihm ließ er keine Könige gelten, alles lief über seinen Schreibtisch. Lediglich Nicola Downing, die Finanzchefin von Ricoh Europa, sowie Yoshihiko Sasaki, der Vertreter der japanischen Konzernzentrale, durften für das Unternehmen zeichnen.

Europa-Chef David Mills: Einzelprokura für Deutschland

Im Juli 2018 aber ließ sich auch Europa-Chef Mills persönlich mit Einzelprokura ins Handelsregister eintragen. Damit kann er bei Bedarf über den Kopf von Cantuniar hinweg Geschäfte mit deutschen Kunden tätigen. Offenbar steigt der Druck auf die Europazentrale angesichts sinkender Umsatzzahlen inzwischen so stark an, dass Mills selbst Hand an die Vertriebshebel legen will.

Cantuniar kommentiert diesen Vertrauensentzug auch auf Anfrage nicht. Ob er an seinen Umsatzversprechungen nach wie vor festhalte, wollten wir zudem wissen. Im letzten Jahr hatte er die Fragen noch bejaht, jetzt reagierte er nicht einmal mehr.

Wie weiter mit dem japanischen Traditionskonzern?

Personalabbau ist derzeit die einzige erkennbare Strategie, mit denen Ricoh den schrumpfenden Umsätzen im Drucker-Markt begegnet. Mit dem Einstieg in neue Service-Märkte ist das Unternehmen in Deutschland vor Jahren gescheitert. Inzwischen übernimmt es hierzulande sogar schwächelnde Druck-Dienstleister, um die installierte Basis an eigenen Maschinen und die damit kalkulierten Umsätze zu sichern. Mit dem Fachändler Reese ging Ricoh nun sogar ein langjähriger Vertriebspartner in Richtung Canon von der Fahne - und damit ein starker Stützpunkt in Braunschweig und Magdeburg verloren. 

Fazit: Ricoh stehen auch im neuen Geschäftsjahr schwere Zeiten ins Haus. Und im Top-Management ist vor allem jeder sich selbst der nächste.


Veröffentlicht am 14.05.2019



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