Digitalisierung & Dienstleistungen
Auswählen. Ausschreiben. Austauschen.
Wir schaffen AAA-Transparenz.
DIGI.REPORT

SAP-Dienstleister / Trendbericht
Gefährdetes Geschäftsmodell

Der Verkauf der Freudenberg IT (jetzt: Syntax) zeigt, vor welch dramatische Herausforderungen die Cloud-Strategie der SAP die Dienstleister in Deutschland stellt.

Scan-Service.jpg/

Name neu, Chefs weg, Firmensitz verlegt. Mehr Veränderung kann es in so kurzer Zeit für ein Unternehmen kaum geben, als sie der IT-Dienstleister Freudenberg IT (FIT) in den letzten zwei Monaten erlebte. Im März 2019 wurde das Unternehmen durch die kanadische Syntax und den Investor Novacap übernommen. Kurze Zeit später wurde der Firmensitz vom schwäbischen Weinheim nach Montreal verlegt, die Marke FIT verschwand und wurde in Syntax umbenannt. Schließlich gingen die langjährigen Chefs Horst Reichardt (CEO) und Wolfgang Schneider (Finanzen) von Bord.

FIT-Umsätze sanken im Geschäftsjahr 2018 

Es gibt gute Gründe für den FIT-Verkauf. Vor allem Syntax profitiert von der Übernahme. Der kanadische IT-Dienstleister gilt als Spezialist für ERP-Systeme aus dem Hause JD Edwards, einer Produktlinie, die heute zu Oracle gehört. Mit FIT kauft sich das Unternehmen wichtiges Knowhow im SAP-Bereich zu. Damit will es vor allem im US-Markt punkten.

Bei FIT wiederum freut man sich darüber, dem Konzernverbund der Freudenberg SE entronnen zu sein. Hier fühlte sich das Management des IT-Dienstleisters immer mehr als fünftes Rad am Wagen. Chancen für anorganisches Wachstum sah man nicht, weil die SAP-Dienstleistung kein strategisches Geschäftsfeld mehr war und daher keine Gelder für Übernahmen erwarten konnte. Das organische Wachstum wiederum stieß sichtlich an seine Grenzen. Der FIT-Umsatz sank im Geschäftsjahr 2018 um 4,8 Prozent auf 164,8 Millionen Euro. Auch die Belegschaft verkleinerte sich.

Freudenberg IT - Geschäftsentwicklung
Geschäftsjahr Umsatz (Mio. €) Mitarbeiter
2018 164,8 870
2017 173,0 886
2016 165,0 826
2015 152,8 754
Quelle. Freudenberg SE


Weniger Umsatz in einem Markt, der eigentlich boomt? Immerhin steigerte die SAP ihre Umsätze im Geschäftsjahr 2018 um 5,3 Prozent auf 24,7 Milliarden Euro. Allerdings rührte das Wachstum allein aus dem Cloud-Geschäft. Während die Cloud-Erlöse weltweit um 32,4 Prozent stiegen, gingen die Erlöse aus dem Verkauf von Software-Lizenzen und Support um ein Prozent zurück. Erstmals machte SAP mehr Umsatz mit Cloud-Lösungen als mit dem Lizenzverkauf.

SAP macht 2018 erstmals mehr Umsatz mit Cloud-Lösungen als mit dem klassischen Lizenzverkauf

Die Folge: Für viele SAP-Dienstleister funktioniert das klassische Geschäftsmodell nicht mehr. Sie müssen ihre Rolle im Zuge der Cloud-Strategie der SAP neu definieren. Weniger Verkauf und Betrieb, dafür mehr Beratung, so die Devise. Aber die Neuorientierung kostet Geld – viel Geld.

Der Verkauf der FIT gilt daher als Fanal für die gesamte Dienstleistungsbranche. Wer kann sich die anstehenden Investitionen für Übernahmen leisten, die für den Einstieg in neue Geschäftsfelder notwendig sind? Wer baut schnell genug Kompetenzen für Zukunftsfelder wie SAP HANA auf? Wer wird zu den Gewinnern der anstehenden Konsolidierung gehören? Wer zu den Verlierern? Auf welcher Seite FIT (jetzt Syntax) letztlich landet, bleibt abzuwarten. Gut möglich, dass der Investor Novacap sein Syntax-Paket bald weiterverkauft.

Und wie profitieren deutsche FIT-Kunden von dem Verkauf? Syntax bringe Knowhow für SAP in der Amazon-Cloud mit, erklärt ein Unternehmenssprecher. Bislang sei man in dieser Hinsicht auf die Microsoft-Welt beschränkt. Auf keinen Fall gehe es darum, mit deutschen SAP-Kunden über einen Umstieg auf Oracle-Produkte zu sprechen. Zumindest das soll sich nicht ändern.


Veröffentlicht am 04.06.2019