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Dokumentenmanagement (DMS) / Ricoh schluckt DocuWare
Brillanter Coup? Oder Pleite mit Ansage?

Der japanische Drucker-Hersteller Ricoh will den deutsch-amerikanischen DMS-Anbieter DocuWare übernehmen. Ein brillanter Coup, wenn Ricoh alles richtig macht. Eine Pleite mit Ansage, wenn das Unternehmen das deutsche Docuware-Management nicht langfristig halten kann. Die DMS-Branche kann ein Lied davon singen.

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Ricoh hat heute die Übernahme von DocuWare, einem führenden Anbieter von Dokumentenmanagement Software (DMS), bekanntgegeben. Der Abschluss der Transaktion wird für den Sommer 2019 erwartet, vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Wettbewerbsbehörden in Deutschland und Österreich und der
Erfüllung weiterer rechtlicher Bedingungen. Nach Abschluss der Transaktion soll DocuWare als 100prozentige, aber eigenständige Tochtergesellschaft von Ricoh mit den Geschäftsführern Michael Berger und Max Ertl fungieren. Auch das Partnerprogramm soll beibehalten werden.

Kaufpreis liegt beim Dreifachen des Jahresumsatzes

Der Kaufpreis wurde nicht genannt. Beobachter schätzen, dass Ricoh rund 136 Millionen Euro an die bisherigen Eigentümer, den Investor Stanley Morgan, das Softwarehaus Nemetschek sowie die beiden Gründer Jürgen Biffar und Thomas Schneck überweisen wird. Diese Summe legt auch eine Börsenmeldung von Nemetschek nahe. Damit liegt der Kaufpreis etwa dreimal so hoch wie der DocuWare-Umsatz des Geschäftsjahres 2018 von rund 46 Millionen Euro.

„Wir arbeiten konsequent daran, einen Geschäftsbereich weiter auszubauen, der den wachsenden Anforderungen von Unternehmen rund um den Globus Rechnung trägt“, sagt David Mills, Corporate Senior Vice President des Ricoh-Konzerns, zur Übernahme: „Die Übernahme von DocuWare, Anbieter einer marktführenden Cloud First-Lösung, ist ein ganz wichtiger Schritt, um diese Anforderungen zu erfüllen.”

Einer der wichtigsten Partner wird neuer Eigentümer

„DocuWare verfolgt einen ehrgeizigen Wachstumsplan, der es ermöglicht, aktuellen und zukünftigen Partnern moderne Dokumenten-Management- und Workflow-Technologien zur Verfügung zu stellen“, fassen die DocuWare-Geschäftsführer Michael Berger und Max Ertl zusammen. „Ricoh als starker Investor gibt uns die Sicherheit, dass wir unsere Ziele erreichen und weiterhin ein zuverlässiger, vertrauenswürdiger und innovativer Anbieter für die gesamte DocuWare-Partner- und Kunden-Community sein werden.”

Mit Unternehmenszentralen in Deutschland und den USA bietet DocuWare Cloud- und On-Premises-Lösungen für Dokumenten-Management und Workflow-Automatisierung an. Es zählt weltweit über 12.000 Kunden in mehr als 90 Ländern und vertreibt seine Software über ein Netzwerk von rund 600 Partnern. Einer der wichtigsten ist Ricoh, der die DMS-Software seit vielen Jahren nicht nur weltweit vertreibt, sondern auch selbst einsetzt.

WinWin-Situation für beide Seiten möglich

Die Übernahme erscheint wie ein brillanter Coup, der für beide Seiten eine WinWin-Situation herstellt. Ricoh würde der Zukauf mit einem Schlag auf gleich zwei Kontinenten in eine führende Position im zukunftsträchtigen Markt des digitalen Dokumentenmanagements katapultieren. Die Japaner kämpfen seit Jahren mit rückläufigen Umsätzen und Gewinnen, nicht zuletzt weil sie es nicht schafften, neben der Herstellung von Druckern Fuß im Software-Business zu fassen. Zuletzt lag der Jahresumsatz bei rund 18,1 Milliarden Euro. DocuWare wiederum würde Teil eines Konzerns, der ein weltweites Vertriebs- und Servicenetz unterhält, das ganz neue Türen für das DMS-Geschäft öffnen kann.

Doch Erfolgsgeschichten erzählen sich bekanntlich immer vom Ende her. Und es wäre nicht das erste Mal, dass eine Übernahme an der praktischen Umsetzung scheitert. Die DMS-Branche kann davon ein Lied singen. Bei Ricoh kommt hinzu: Mills, der die Übernahme verantwortet, hat bei Ricoh mehrfach bewiesen, dass er mittelständischen Unternehmergeist im Konzernverbund nicht duldet und deutschen Managern, die zu selbstbewusst agieren, den Stuhl vor die Tür setzt.

Beispiele Saperion und Ceyoniq: Erfolgsgeschichten sehen anders aus 

Es ist bereits das dritte Mal, dass ein weltweiter Druckerhersteller einen deutschen DMS-Anbieter übernimmt. 2011 verleibte sich der US-Hersteller Lexmark die Berliner Firma Saperion ein. 2015 kaufte die japanische Kyocera Document Solutions die Bielefelder Ceyoniq zu. In beiden Fällen blieb die alte Führungsriege - trotz anders lautender Meldungen zum Zeitpunkt der Übernahme - allerdings nicht lange an Bord.

Die Situation heute: Bei Ceyoniq sind auch vier Jahre nach der Übernahme keine Fortschritte zu erkennen. Selbst langjährige Marktbeobachter wissen nicht, ob und wohin sich das Unternehmen bewegt. Am Wachstum der DMS-Branche nimmt die Firma offensichtlich nicht teil. Während die Beschäftigtenzahlen der Konkurrenten jedes Jahr beträchtlich wachsen, stagnieren sie bei Ceyoniq seit geraumer Zeit.

Bei Saperion hingegen kamen erst gar keine Zweifel auf, wohin es nach der Übernahme geht: konsequent in den Keller. Der wesentliche Grund: Der Chef der europäische Softwaresparte, Carl Mergele, agierte wie ein Elefant im Porzellanladen. Jeder, der zahlreichen Übernahmen, die er nach Saperion in Europa verantwortete – etwa Readsoft oder Athene-Software – wurden durch erhebliche Personalverluste binnen kürzester Zeit so stark entwertet, dass Lexmark am Ende selbst die Eigenständigkeit verlor. Heute gehört das Unternehmen zum chinesischen Apex-Konzern, die DMS-Sparte wurde an einen Investor verkauft.

Mills ist bekannt dafür, dass er mittelständische Firmenkulturen mit aller Macht auf Konzernlinie zwingt

Nun also steht der DMS-Branche die dritte Übernahme dieser Art ins Haus. Wieder übernimmt ein Druckerhersteller einen deutschen DMS-Anbieter. Und wieder bekommen es die Geschäftsführer eines DMS-Anbieters mit einem Manager zu tun, der bekannt dafür ist, dass er mittelständische Firmenkulturen mit aller Macht auf Konzernlinie zwingt. 

Mills übernahm 2012 das Zepter in der Europazentrale von Ricoh in London. In dieser Funktion ist er heute – als einziger Europäer - auch Mitglied im Board von Ricoh, dem höchsten Gremium des japanischen Konzerns.

Nach seinem Amtsantritt zettelte Mills einen Machtkampf gegen das Management von Ricoh Deutschland an, den er auf ganzer Linie gewann. Die Ricoh Deutschland GmbH galt bis dahin als Vorzeige-Tochter innerhalb des Ricoh-Konzerns. Die Vertriebsgesellschaft war innovativ und sehr profitabel. In der Printing-Branche war Ricoh Deutschland ein Pionier für gemanagte Services. Um die Jahrtausendwende entwickelte die Firma ihr Seitenpreis-Konzept. Kunden bezahlten ihr Druckvolumen damit nach Verbrauch, den Rest (Rollout, Wartung und Betrieb) regelte Ricoh. Dadurch hielt das Unternehmen den Absatz von Hardware hoch und die Konkurrenz auf Distanz.

Den Machtkampf gegen Ricoh Deutschland gewann Mills auf ganzer Linie

Nach dem Motto „One fits all“ setzte Mills zunächst brachial die Einführung des hauseigenen ERP-Systems namens „Share“ auch in Deutschland durch. Die Software war funktional an den kleinsten gemeinsamen Nenner aller knapp 30 Vertriebsgesellschaften in Europa angepasst. Weil die meisten Niederlassungen ihr Geld aber vor allem als „Kistenschieber“, also mit dem Verkauf von Druckern verdienten, nahm die Software der dienstleistungsorientierten, deutschen Gesellschaft die Luft zum Atmen. Komplexe Seitenpreis-Verträge, mit denen Ricoh stets eine hohe Rendite erwirtschaftet hatte, ließen sich damit nicht mehr abbilden. 

Die Folge: Das Management musste einen Großteil der Paketverträge aufschnüren und mit den Kunden neu verhandeln. Ricoh verlor dadurch nicht nur viel Umsatz, sondern auch jede Menge Kunden. Dieses Abenteuer bescherte, so die Berechnung eines ehemaligen leitenden Mitarbeiters, dem Unternehmen einen hohen dreistelligen Millionenverlust.

Die Schuld für diese Entwicklung schob Mills aber nicht sich selbst, sondern dem deutschen Management in die Schuhe. Sukzessive setzte er die ungeliebte Geschäftsführung in Hannover fast komplett vor die Tür und installierte mit Niculae Cantuniar 2015 einen loyalen Statthalter als Deutschland-Chef. Während dessen Amtszeit rauschte der Umsatz der Ricoh Deutschland GmbH um mehr als zehn Prozent auf rund 525 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2018 in den Keller.

Wie lange wird die Leine für DocuWare sein? Und wie lange werden Berger und Ertl daran laufen?

Auch bei DocuWare trifft Mills auf ein Führungsteam, das um seine Qualitäten weiß. Berger und Ertl sind zwar erst seit Anfang des Jahres als Nachfolger der Firmengründer als Geschäftsführer im Amt, haben aber die Erfolgsgeschichte des Unternehmens maßgeblich mitgeschrieben. Die steht bis heute auf drei Säulen: der gelungenen Expansion in die USA, der frühzeitigen Konzentration auf das Thema „Cloud“ und einer treuen Partnerlandschaft.

Es bleibt abzuwarten, wie lang die Leine sein wird, an der Mills Berger und Ertl nach der Übernahme laufen lässt – und ob sie bereit dazu sind, dauerhaft an dieser Leine zu laufen.


Veröffentlicht am 02.07.2019



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