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Elektronische Rechnung / ZUGFeRD 2.0
„Wir werden vermutlich unterschiedliche rechtliche und technische Umsetzungen sehen.“

Der Countdown läuft: Spätestens ab April 2020 wird das Thema Elektronische Rechnung auch für mittelständische Unternehmen höchstrelevant. Doch werden Bund und Länder der Digitalisierung in Öffentlicher Verwaltung und deutscher Wirtschaft wie erhofft zum Durchbruch verhelfen? Oder floppt das Ganze schon in der Frühphase aufgrund fehlender Koordination und einer erdrückenden Komplexität? SERVICE.REPORT.IT sprach mit Ivo Moszynski, dem Leiter des Forums Elektronische Rechnung Deutschland (FeRD), über die großen Herausforderungen, alle Beteiligten für eine harmonisierte Vorgehensweise bei diesem epochalen Digitalisierungsthema zu motivieren.

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SERVICE.REPORT.IT: Herr Moszynski, das hybride Rechnungsformat ZUGFeRD wurde in der Version 2.0 im Februar 2019 verabschiedet. Geplant war die Veröffentlichung bereits für den Dezember 2018. Warum gab es diese Verzögerungen?

Moszynski: Als Organisation ist FeRD maßgeblich auf die Unterstützung
ehrenamtlicher Mitarbeiter angewiesen. Wenn Knowhow-Träger ausfallen, kann es daher länger dauern, die entstandenen Lücken zu füllen. Zudem gab es rechtliche Unsicherheiten, was die Lizenzierung von ZUGFeRD 2.0 betrifft.

SERVICE.REPORT.IT: Kann man ZUGFeRD 2.0 nicht lizenzfrei nutzen?

Moszynski: Wenn die Norm wie andere Normen in Deutschland durch die nationale Standardisierungsorganisation (DIN) vertrieben worden wäre, wäre eine Lizenzgebühr angefallen. Weil das aber nicht im Sinne der Erfinder ist, sponsert die EU-Kommission ZUGFeRD 2.0 für die nächsten drei Jahre. Wie es anschließend weitergeht, muss man sehen. Langfristig muss die Finanzierung auf eine solide Basis gestellt werden, um den Investitionsschutz zu gewährleisten.

SERVICE.REPORT.IT: Welche Unterschiede gibt es zwischen den Versionen 1.0 und 2.0?

Moszynski: Es gibt einige Unterschiede. Der wichtigste ist sicherlich, dass ZUGFeRD 2.0 die Vorgaben der europäischen Norm EN 16931 erfüllt, die Version 1.0 tat das nicht. Außerdem ist ZUGFeRD 2.0 eins zu eins kompatibel mit dem deutsch-französischen Standard Faktur-X. Um das zu erreichen, wurde die Zahl der Profile von drei auf fünf erweitert. Die Profile unterscheiden sich durch die Menge an Informationen, die man in eine Rechnung hineinpacken kann.

SERVICE.REPORT.IT: Die Version 1.0 wurde vor fünf Jahren veröffentlicht. Damals war die Hoffnung groß, mit diesem Format einen starken Digitalisierungs-Impuls für die deutsche Wirtschaft zu geben.  Dort aber ist das Format bis heute nahezu unbekannt. Was wollen Sie tun, um das bei der Version 2.0 zu ändern?

Moszynski: Wir wollen noch in diesem Jahr eine Aufklärungskampagne zum Thema Elektronische Rechnung starten. Was ist eigentlich eine elektronische Rechnung? Was bedeutet die Umstellung auf elektronische Rechnung in meiner Organisation? Was unterscheidet zum Beispiel die Formate ZUGFeRD 2.0 und XRechnung? Wie lassen sie sich einsetzen? Dabei hoffen wir, dass besonders die Mitglieder des FeRD, etwa die großen Wirtschaftsverbände, diese Kampagne an ihre Mitglieder weiterleiten. Gleichzeitig halte ich es allerdings für falsch, zu viel über einzelne Rechnungsformate zu diskutieren. Der Erfolg eines E-Rechnungs-Projektes hängt nur zu zehn Prozent am Datenformat. Die meisten Probleme muss man an ganz anderer Stelle lösen.

SERVICE.REPORT.IT: Die Komplexität beim Thema Elektronische Rechnung ist aber nicht allein technischer Natur. Auch begrifflich und inhaltlich liegen die Konzepte oft weit auseinander. So dockt das Format XRechnung, mit dem die Bundesbehörden arbeiten, namentlich nicht an ZUGFeRD an. Wie sollen die Verantwortlichen in kleinen und mittleren Unternehmen verstehen, wie das alles miteinander zusammenhängt? Das ist doch viel zu kompliziert. Da läuft doch in punkto Marketing gleich zu Anfang jede Menge schief.

Moszynski: Über die Akzeptanz der verschiedenen Rechnungsformate entscheiden am Ende der Bund und jedes Bundesland für sich. Es gibt allerdings einen Abstimmungsprozess im IT-Planungsrat. Als FeRD können wir den Entscheidungsträgern nur das Angebot machen, mit uns darüber zu reden, welche Auswirkungen dies auf die Wirtschaft hat.

SERVICE.REPORT.IT: Das reicht aber offensichtlich nicht, um zu verhindern, dass die Dinge schon in einem sehr frühen Stadium sehr komplex werden. Obwohl erst zwei Bundesländer und der Bund endgültig ihre Rechnungsformate verabschiedet haben, gibt es schon zwei verschiedene Formate. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es am Ende einen intransparenten, föderalen Flickenteppich in Deutschland gibt, der die praktische Handhabung der Elektronischen Rechnungsverarbeitung quasi unmöglich macht. Dabei reden wir eigentlich über eine epochale Innovation - eine, die die Digitalisierung in Deutschland voranbringen soll.

Moszynski: Es ist nicht nur die Diskussion um die Datenformate. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen einzelner Bundesländer werden vermutlich unterschiedlich sein. Am Ende müssen die Lieferanten mit den unterschiedlichen Vorgaben umgehen können. Das ist sicher bei rein lokalen Dienstleistern einfacher als bei überregional tätigen Unternehmen. Und ja, am Ende kann eine zu große Komplexität die Einspareffekte der elektronischen Rechnungen neutralisieren.

SERVICE.REPORT.IT: Haben Sie den Eindruck, dass die Verantwortlichen bei Ländern und Behörden wirklich verstanden haben, was von den Rechnungsformaten alles abhängt?

Moszynski: Es geht meines Erachtens nicht nur um die Datenformate, sondern eher um die Summe der unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Ziel sollte sein, dass wir hier langfristig zu einer Harmonisierung kommen.

SERVICE.REPORT.IT: Bezieht man die EU-Mitgliedsstaaten ein, drohen weitere Komplexitätsstufen. Gibt es auf dieser Ebene Versuche, einheitliche Formate zu entwickeln?

Moszynski: Dieses Framework ist eigentlich die europäische Norm EN 16931. Allerdings gibt es für die Koordination der Aktivitäten der Verwaltung mit der Wirtschaft keinen offiziellen Schirmherren, der die nationale Umsetzung koordiniert. Hier bietet sich aber natürlich das FeRD als Diskussionsort an.

SERVICE.REPORT.IT: Um die Rechnungsformate in den Unternehmen zu etablieren, sind vor allem die Hersteller von ERP- und Branchensoftware gefragt. Deren Systeme müssen am Ende alle Formate auf Knopfdruck beherrschen. Sonst können die Anwender eines Tages ihre Rechnungen bei den Behörden nicht mehr einreichen oder sich gar nicht mehr um Aufträge bewerben. Wie wollen Sie die Software-Hersteller motivieren mitzumachen? Immerhin gibt es in Deutschland mehrere hundert davon.

Moszynski: Wir versuchen, die Software-Hersteller in die Arbeit beim FeRD einzubinden. Dafür haben wir die einst sehr restriktiven Aufnahmeregeln des FeRD bereits stark gelockert. Heute können sie im FeRD viel einfacher Mitglied werden und als Informationsplattform nutzen.

SERVICE.REPORT.IT: Wie erfahren die Software-Hersteller von dieser Veränderung?

Moszynski: Kurz gesagt – kommunizieren auf allen Kanälen. Wir sind auf Veranstaltungen präsent, versuchen über unsere Mitglieder neue Interessenten zu gewinnen und wollen wie oben besprochen dieses Jahr eine große Infokampagne starten. Das FeRD hat zuletzt einen regen Zuwachs an neuen Mitgliedern erfahren. Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren kann so zugunsten verschiedener Bedürfnisse des Marktes intensiviert werden.

SERVICE.REPORT.IT: Im April 2020, also in nicht einmal mehr neun Monaten, wird die elektronische Rechnung auch auf Länderebene zur Pflicht. Spätestens dann wird das Thema auch für kleine und mittlere Unternehmen höchst relevant. Wie wird die Situation dann aussehen?

Moszynski: Wir werden vermutlich unterschiedliche rechtliche und technische Umsetzungen sehen. Es wird unterschiedliche Wertgrenzen geben, in einigen Ländern gibt es eine Verpflichtung der Lieferanten – in anderen nicht und es wird auch nicht in jedem Land eine zentrale Plattform für den Rechnungseingang geben.

SERVICE.REPORT.IT: Das sind keine guten Voraussetzungen dafür, dass die Elektronische Rechnung in Deutschland ein Erfolg wird.

Moszynski: Wir dürfen nicht vergessen, dass es neben den Rechnungen an die Verwaltung noch eine Vielzahl von Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen gibt. Die Verwaltung ist sicherlich ein wichtiger Treiber, aber am Ende nicht alleine für die Erfolgsgeschichte E-Rechnung verantwortlich. Allerdings würde eine einheitliche Verwaltungsumsetzung das Thema stark unterstützen.

SERVICE.REPORT.IT: Herr Moszynski, wir danken für das Gespräch.


Veröffentlicht am 05.07.2019



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