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Xerox / HP Inc. / Übernahmeangebot
Mit dem Mut der Verzweiflung

Der Drucker-Pionier Xerox will den Marktführer HP Inc. übernehmen. Die Idee klingt verrückt, folgt aber einem Plan. Denn aus eigener Kraft kann Xerox die Trendwende nicht mehr schaffen.

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HP Inc. hat das Übernahmeangebot durch Xerox offiziell bestätigt. Man werde mit Bedacht prüfen, was im Interesse der Aktionäre sei, meldete das Unternehmen. Über die Höhe des Angebots wurden keine Angaben gemacht. Die Spekulation reichen von 27 bis 33 Milliarden US-Dollar.

Auf den ersten Blick erscheint die Idee einer Übernahme verrückt. An der Börse wird HP Inc. rund drei Mal so hoch bewertet wie der kleinere Konkurrent. Für die Übernahme müsste sich Xerox über beide Ohren verschulden.

Xerox hat bereits flexible Holdingsstruktur geschaffen

Auf den zweiten Blick aber erscheint die Übernahme wie geplant. Im April 2018 wehrten die Xerox-Großaktionäre Carl Icahn und Darwin Deason den geplanten Verkauf an den japanischen Fuji-Konzern ab. Anschließend bauten sie Xerox nach eigenem Gutdünken um. Das von ihnen eingesetzte Management schloss inzwischen nicht nur eine weitgehende Vertriebskooperation mit HP ab. Die Aktionärsversammlung gab auch dem Holding-Modell ihren Segen, das das Management ermächtigt, Unternehmensteile wie Produktion und Vertrieb von Office- und Produktionsdruck-Maschinen in eigenständige Gesellschaften auszulagern - und anschließend an Auftragsfertiger oder die Konkurrenz zu verkaufen. Das macht Xerox organisatorisch sehr flexibel.

Schließlich wurde kürzlich die Beteiligung an dem Joint-Venture Fuji-Xerox für rund 2,3 Milliarden US-Dollar verkauft. Fuji-Xerox vertrieb die Xerox-Produkte vor allem auf dem asiatischen Kontinent. Diese Organisation braucht Xerox tatsächlich nicht mehr, wenn es den direkten Zugriff auf den globalen HP-Vertrieb erhält.

Zeitpukt ist günstig gewählt

Auch der Zeitpunkt für die Abgabe eines Übernahmeangebotes erscheint günstig. Die HP Inc.-Aktie befand sich zuletzt im Sinkflug. Im letzten Jahr verlor sie rund 40 Prozent an Wert. Mit Beginn des neuen Geschäftsjahres (1. November) gab es zudem einen Wechsel an der Unternehmensspitze. Während sich der frühere CEO Dion Weisler angeblich aus privaten Gründen zurückzog, kündigte sein Nachfolger Enrique Lopez ein Restrukturierungsprogramm und den Abbau von bis zu 9.000 Jobs an.

Xerox‘-Bilanz hingegen hat sich im laufenden Geschäftsjahr erholt. Der Umsatz sinkt zwar nach wie vor und dem Unternehmen fehlt jede strategische Perspektive. Denn Xerox hat im letzten Jahrzehnt durch konsequentes Missmanagement wichtige Maßnahmen verpasst. Die operative EBIT-Marge aber kletterte zuletzt wieder auf rund sieben Prozent – und liegt damit aktuell auf Augenhöhe mit der von HP Inc. Unter diesen Bedingungen steigt die Chance, dass die HP Inc.-Aktionäre einer Übernahme zustimmen. Mehr als 80 Prozent der Aktien liegen in den Händen institutioneller Anleger.

Neue Perspektiven durch Zugriff auf Technologien, Geräte und Service

Fest steht: Mit der Übernahme würde sich Xerox auf einen Schlag seiner Perspektivlosigkeit entledigen. Xerox erhielte dadurch den Zugriff auf innovative Tintenstrahl- und 3D-Druck-Technologien und ein breites Geräte-Portfolio im A3- und A4-Segment. Im Geschäft mit Managed Print Services würden die Konkurrenten sogar zu Verbündeten, die in der marktbeherrschenden Lage wären, die Preise künstlich hoch zu halten. Zudem könnte Xerox die PC-Sparte von HP Inc. verkaufen und damit einen Großteil der Schulden tilgen. Mit einem Umsatz von knapp 30 Milliarden US-Dollar würde dennoch der mit Abstand größte und profitabelste Drucker-Hersteller entstehen.

Grund genug also, um mit harten Bandagen für diese Übernahme zu kämpfen. Der Mut der Verzweiflung gehört dazu. Denn sollten die Verhandlungen scheitern, stünde anschließend die Unabhängigkeit von Xerox auf dem Spiel.


Veröffentlicht am 08.11.2019



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