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Kyocera Document Solutions / Optimal Systems / DMS-Anbieter
Zu viel des Guten

Kyocera übernimmt mit Optimal Systems einen weiteren DMS-Anbieter aus Deutschland. Die Japaner kaufen damit Marktanteile im Krankenhausbereich und bei Behörden, allerdings auch einen pflegeintensiven Marken- und Technikzoo zu.

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„Dank der Zusammenarbeit können wir nun standortunabhängig und zu jedem Zeitpunkt neue, optimal zugeschnittene Angebote aus Beratung, Hardware, Software und Services unterbreiten, mit denen sich die Geschäftsprozesse unserer Kunden noch effizienter gestalten lassen“, kommentiert Norihiko Ina, Präsident von Kyocera Document Solutions (KDS) Inc., die überraschende Übernahme. Die Zustimmung der Kartellbehörden steht noch aus. Sie wird in den kommenden Tagen erwartet.

Japanische Zentrale übernimmt Optimal Systems direkt

Auf Nachfrage erfahren wir: Optimal Systems wird weder von der deutschen noch von der europäischen KDS-Organisation übernommen, sondern direkt von der japanischen Zentrale. Gründerchef Karsten Renz verkauft alle seine Gesellschafteranteile. Damit wechselt die Berliner Zentrale der Firmengruppe komplett den Besitzer, die regionalen Vertriebstöchter zunächst nur teilweise, da diese anteilig auch den jeweiligen Geschäftsführern gehören. Allerdings sei auch hier mittelfristig eine Komplettübernahme durch KDS geplant, erklärt eine Firmensprecherin. Eine Veränderung der Management-Struktur sei nicht geplant. Die Top-Etage von Optimal Systems soll auch künftig in den angestammten Ämtern bleiben.

Optimal Systems beschäftigt aktuell rund 450 Mitarbeiter in Deutschland, Serbien, Österreich und der Schweiz und machte 2018 knapp 60 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen, das 1997 gegründet wurde, zählt zu den marktführenden DMS-Anbietern in Deutschland und verzeichnet vor allem in Krankenhäusern und kommunalen Krankenhäusern. Zum Kaufpreis machten beide Unternehmen keine Angaben. Er dürfte unseren Schätzungen zufolge bei rund 150 Millionen Euro liegen. „Wir sind absolut überzeugt, dass wir im Kyocera-Verbund international schneller wachsen, weil wir unser DMS-Knowhow nun zusätzlich an die Kyocera-Kunden herantragen können, um deren Digitalisierungsprozesse maßgeblich zu unterstützen“, erklärt Renz.

Kyocera Document Solutions liebt den Kauf deutscher Unternehmen

Für Renz liegen die Motive für einen Verkauf auf der Hand: Er belohnt sich für sein Lebenswerk und macht sich auf einen Schlag zum reichen Mann. Bei KDS erklären sich die Beweggründe nicht so leicht. Denn mit den Chancen, die die Übernahme mit sich bringt, gehen hohe Risiken einher. Fast scheint der Deal zu viel des Guten.

Der japanische Druckerhersteller liebt den Kauf deutscher Unternehmen. Inzwischen hat er sie reihenweise übernommen, aber unter wechselnde Verantwortung gestellt. Während Alos (Scan-Dienstleister) und AKI (Druckmanagement-Software) zur deutschen Tochter und TA Triumph-Adler (IT-Systemhaus) zur europäischen Tochter gehören, sind die beiden DMS-Anbieter Ceyoniq und Optimal Systems Teil des japanischen KDS-Konzerns. Synergien sind in dieser verästelten Struktur bislang nicht zu erkennen.

Ceyoniq: Die großen Erwartungen erfüllten sich bislang nicht

Die großen Erwartungen, die das japanische Management in die Übernahme von Ceyoniq im Jahr 2015 gesteckt hatte, erfüllten sich unserer Einschätzung nach bislang nicht. Auch bei dem Bielefelder Unternehmen sollte das alte Management eigentlich auf der Kommandobrücke bleiben, diese Hoffnung aber währte nicht lange. Bald war Geschäftsführer Oliver Kreth der einzig verbliebene Deutsche in der Führungsetage. Seinen Angaben zufolge ist das Unternehmen inzwischen zwar aus den roten Zahlen heraus. Die Umsätze liegen aber krebsen nach wie vor weit unter der 20 Millionen-Euro-Marke. Eigentlich war hier sehr viel mehr geplant. 

Vor allem der Eintritt in den US-Markt scheint gescheitert zu sein. 2017 meldete Ceyoniq, dass der DMS-Anbieter sich über die zugekaufte Schwester DataBank nun den US-amerikanischen Markt erschließen wolle. „Wir möchten weiter wachsen und unser Produkt weltweit bekannt machen und erfolgreich vermarkten“, erklärte Kreth damals. „Der amerikanische Markt spielt hier eine entscheidende Rolle.“ Das Problem: Wer heute auf den Webseiten von Databank oder KDS Amerika recherchiert, findet dort alle möglichen Namen von Softwareanbietern. Nur der Name der Schwestergesellschaft Ceyoniq findet sich dort nicht.

Das Optimal Systems-Management bleibt - hoffentlich

Will das japanische KDS-Management diese Lücke womöglich nun mit Optimal Systems schließen? Diese Hoffnung könnte sich schnell als Bumerang erweisen. Denn mit der Übernahme explodiert nicht nur die Zahl der DMS-Marken, sondern auch die der DMS-Technologien unter dem Dach der KDS. Ceyoniq brachte eine Marke und eine Technologieplattform (nscale) mit. Mit Optimal Systems erhöht sich die Zahl nun auf drei. Hinzu kommen die Brot- und Butter-Marke „enaio“ sowie die neue Marke „yuuvies“. Enaio gilt unter Experten als mächtiges, aber keineswegs modernes DMS-System. Yuuvies wiederum hat den Ruf sehr flexibel zu sein, kann aber bislang nur wenige Kunden aufweisen. Wie KDS diesen komplexen Marken- und Technik-Zoo von Japan aus erfolgreich hegen, pflegen und vor allem wettbewerbsfähig weiterentwickeln will, ist Beobachtern ein Rätsel. Schließlich drängen Anbieter wie M-Files oder Alfresco mit uniformen und wegweisenden Software-Lösungen auf den Markt, die technologisch als das Maß der Dinge gelten.

Völlig unsicher ist zudem, ob und wie lange die Verantwortlichen bei Optimal Systems tatsächlich an Bord bleiben. Den Übergang von einem deutschen Mittelständler zu einem internationalen Konzern haben schon viele Software-Spezialisten zum Anlass genommen, die Flucht zu ergreifen. Das japanische Management könnte daher schon bald vor der Herausforderung stehen, qualifizierte Nachfolger in der über viele Jahre gewachsenen Optimal Systems-Organisation zu installieren. Damit würde ein Abenteuer ohne absehbares Ende beginnen.

Was machen die anderen Gründerchefs? 

So oder so: 2020 wird, das zeichnet sich ab, ein wegweisendes Jahr für den deutschen DMS-Markt werden. Nachdem der japanische KDS-Konkurrent Ricoh im August 2019 den deutsch-amerikanischen DMS-Anbieter Docuware übernahm, sind nur noch drei inhabergeführte, deutsche DMS-Anbieter verblieben: D.velop, Elo Digital Office und Windream. Welche Gedanken sich die Gründerchefs in Gescher, Filderstadt und Bochum über die Zukunft ihrer Unternehmen machen, ist nicht bekannt. Womöglich warten sie sehnsüchtig auf einen Anruf aus Übersee.


Veröffentlicht am 14.01.2020



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